Rede
des Ministerpräsidenten
Fidelisakademie
am 23. April 2022
Sigmaringen
Es gilt das gesprochene Wort!
Der heilige Fidelis ist heute vielleicht nicht mehr so populär, wie
in den vergangenen Jahrhunderten. Aber hier in seiner
Geburtsstadt Sigmaringen, ist er natürlich bis heute sehr
präsent. Alle kennen das Fidelishaus in der Fußgängerzone,
mit der Statue an der Ecke. Viele Sigmaringer sind natürlich
stolz darauf, wenn sie nach der Taufe in der Fideliswiege
gelegen haben. Und es gibt hier in der Region wahrscheinlich
sehr viel mehr Menschen als anderswo, die seinen Namen
tragen. Die Schwäbische Zeitung hat ja vor einigen Wochen
über einige Namensträger geschrieben. Dann gibt es das
Fidelisfest, das jedes Jahr den Heiligen feiert, der vor 400
Jahren gewaltsam zu Tode kam. Fidelis ist eine
Identifikationsfigur der Sigmaringer, gehört sozusagen zur DNA
der Stadt.
Markus Roy, der Bürgermeistersohn aus Sigmaringen, der
Philosophie und Rechtswissenschaften studierte, viele Jahre
junge Adelige auf Reisen durch Europa begleitete und
schließlich als Jurist tätig wurde. Ein angesehener und gut
bezahlter Hofadvokat in den habsburgischen Vorlanden. Aber
er war schnell ernüchtert über die Zustände in der Justiz –
Korruption, Missstände, erkaufte Urteile. Ließ dieses Leben
hinter sich. Trat in den Kapuzinerorden ein und wurde zum
Ordensmann Fidelis. Kümmerte sich um Schwache, Kranke,
2
Arme, bis hin zu Rechtsberatungen. Und wird deswegen zu
Recht auch als „Anwalt der Armen“ bezeichnet. Später zog er
als wortgewandter Prediger durch die Lande, als Missionar, um
Protestanten in der Gegenreformation zum Katholizismus zu
bekehren. In konfessionell schwierigen, ja aufgeheizten Zeiten,
in den ersten Jahren des Dreißigjährigen Krieges. Häufig wurde
Fidelis von Soldaten begleitet. Zu seinem Schutz, aber sicher
auch, um seinen Predigten Nachdruck zu verleihen. Und wurde
dann am Palmsonntag 1622 in Seewis in Graubünden, als es
zu Ausschreitungen kam, von aufgebrachten reformierten
Bauern erschlagen. Er wurde als Märtyrer verehrt und später
zum Heiligen erhoben. Im Laufe der Jahrhunderte immer
wieder neu gedeutet, auch instrumentalisiert.
Die Verehrung von Heiligen gehört ja zum Glaubensleben der
Katholischen Kirche. Heilige sind präsent durch ihre
Gedenktage, ihren Platz in der Liturgie, durch Reliquien,
Darstellungen und Erzählungen. Und sie sind dadurch
Elemente der Spiritualität und Frömmigkeit.
Beim Heiligen Fidelis zeigt sich seine Verehrung ganz
besonders an den Orten seines Wirkens. Neben Sigmaringen
vor allem auch in Feldkirch in Vorarlberg, das ja nicht von
ungefähr die Partnerstadt Sigmaringens ist.
3
Ist nun der Heilige Fidelis als Christ ein Vorbild? Jedenfalls hat
er an einem bestimmten Punkt, angesichts der Verhältnisse
und Umstände seiner Zeit, sein Leben radikal geändert, er ist
umgekehrt. Hat sich an Jesus orientiert. „Sammelt eure
Schätze nicht hier auf Erden.“ (Mt 6,19) Der Akademiker und
Hofadvokat Markus Roy folgte dem Ruf nach einem anderen
Leben, das auch Verzicht und Bescheidenheit propagiert. Und
in dieser Umkehr kann Fidelis für uns alle wirklich ein Vorbild
sein. Ein Vorbild in der Nachfolge Jesu Christi – wenn auch ein
sehr extremes Beispiel.
Vielleicht hilft es uns aber, wenn wir darüber nachdenken, was
das heute bedeutet unter den jetzigen Bedingungen, in unserer
von der Wissenschaft gedeuteten materiellen Welt, in unserer
modernen Gesellschaft, die von wachsender Vielfalt und
Individualisierung geprägt ist. Was bedeutet das angesichts der
Globalisierung, die für uns in der westlichen Welt sehr viele
Vorteile bringt, unseren Wohlstand erhält, aber auch massive
Folgen für die Entwicklung des Klimas hat und nur allzu oft auf
Kosten der Länder in der sogenannten Dritten Welt geht?
Ich möchte drei aktuelle Krisen in den Fokus rücken, die mir,
aber auch vielen anderen Menschen weltweit, wirklich große
Sorgen bereiten. Das sind: Die Krise der Kirchen, die
Klimakrise und der Krieg in der Ukraine.
4
Die irdische Kirche, die sich am Wort Gottes ausrichtet und sich
dem Geist Gottes anvertraut, ist niemals fertig, schon gar nicht
vollkommen und sollte immer dem Ruf nach Umkehr selber
auch folgen. Die Kirche muss dem alten Grundsatz gerecht
werden: „Ecclesia semper reformanda“. Das ist sozusagen eine
theologische Wesensbeschreibung der Kirche und immer
aktuell, aber derzeit vielleicht aktueller denn je. Sie alle kennen
die Baustellen der Kirchen. Sie wissen, dass vieles im Argen
liegt. Nur wenn wir schon an die unzureichende Aufarbeitung
der Missbrauchsfälle denken, an die nach wie vor
zurückgesetzte Rolle der Frauen in der katholischen Kirche
oder auch die Nachwuchsprobleme im seelsorgerischen
Bereich.
Und das treibt mich sehr heftig um. Nicht nur als Christ,
sondern auch als Politiker. Denn die christlichen Kirchen haben
unser Land geprägt. Man darf ja nicht vergessen: Unsere
Verfassung und unsere ganze Verfassungsordnung sind
christlich imprägniert. Religion, Glaube und kirchliches Leben
strahlen in die Gesellschaft hinein. Unsere Gedankenwelt,
unsere Moralvorstellungen, unser Zusammenleben, unsere
Kunst, Kultur und Sprache sind christlich gefärbt. Und nicht zu
vergessen: Wir haben einen Sozialstaat, ein Solidarsystem, das
schließlich auf der christlichen Soziallehre gründet.
5
Kirchen und ihre Mitglieder sind Stützen unseres
Gemeinwesens. Sie erzeugen Gemeinsinn, sie haben eine
integrierende Wirkung. Hier kümmern sich Menschen um
Dinge, die sie oft besser können, als sie der Staat oder gar der
Einzelne allein kann.
Der Staat, das sage ich mit aller Klarheit, der Staat braucht also
die Kirchen, weil der Staat eben nicht nur eine Ansammlung
von Individuen ist, sondern immer auch eine Gemeinschaft der
Gemeinschaften. Und die Kirchen sind im heutigen Verständnis
ein, wenn nicht das wichtigste Fundament der Zivilgesellschaft.
Diese Gemeinschaften stiften Sinn und Identität, prägen das
Wertefundament, auf dem der Staat erst existieren kann –
jedenfalls der freiheitliche Staat.
Dann stellt sich natürlich die Frage, wie wird das, wenn die
christlichen Kirchen bei uns im Land immer weniger Mitglieder
haben? Wenn die moralischen und auch gesellschaftlichen
Impulse der Kirchen nur noch schwach zu vernehmen sind und
noch schwächer aufgenommen werden? Wenn die Kirchen
weniger Geld zur Verfügung haben und dadurch ihre Angebote,
Bildungs- und Kulturleistungen, aber vor allem ihre
Sozialdienste nicht mehr wie bisher finanziert werden?
Wir müssen auch sehen: Caritas und Diakonie gehören zu den
großen Arbeitgebern in unserem Land. Unser Gemeinwesen
6
als soziales Gemeinwesen ist gar nicht denkbar ohne diese
Institutionen.
Und diese Institutionen bewirken ja nicht nur, dass sich die
vielen Hauptamtlichen dort einsetzen für die Gemeinschaft und
für die Armen und Schwachen, sondern dass sie auch viele
Ehrenamtliche mit mobilisieren. Dieses Zusammenwirken von
Hauptamtlichen, einem professionellen Nukleus mit einem
großen Ehrenamtsbereich, das macht überhaupt erst ihre
überragende Wirkung aus. Und darum sind sie so wichtig.
Natürlich spielt der demographische Wandel für die Kirchen
eine Rolle. Es gibt nicht nur weniger Kinder, sondern noch
weniger Taufen. Und schon ohne Kirchenaustritte geht die Zahl
der Mitglieder deutlich zurück. Aber die Situation wird durch die
dramatischen Austritte noch verstärkt. Die Gründe dafür sind
vielfältig. Viele Menschen treten aus, weil ihnen die Bindung zur
Kirche nicht mehr wichtig ist oder sie schlichtweg ihren Glauben
verloren haben. Das aber wird verschärft durch den massiven
Vertrauensverlust, den die Kirche aufgrund des
Missbrauchsskandals erfährt.
Jetzt wird öfters gesagt „In anderen Bereichen gibt es viel mehr
Missbrauch“. Zum Beispiel im familiären Umfeld. Aber selbst
wenn das so ist, muss man sich klar vor Augen führen: Hier in
der Kirche ist dieser Missbrauch geschehen, unter dem Dach
eines gewaltigen moralischen Anspruchs, der verkündet
7
worden ist. Da ist der Fall natürlich tief. Und sich an den
Schwächsten so zu vergreifen ist für eine Kirche mit so hohen
moralischen Ansprüchen schlichtweg ein besonderer Skandal.
Das ist der tiefste Kern dieser Krise. Und das bringt natürlich
einen massiven Vertrauensverlust mit und führt zu etwas, das
ganz erstaunlich ist, zu so etwas wie einer negativen Ökumene.
Der Skandal der einen Kirche zieht die andere mit runter.
Studien sagen den Kirchen weiter einen sehr starken Rückgang
voraus. Und das wird weitreichende Konsequenzen haben.
Dazu muss man sehen, wir haben in der Geschichte der
Bundesrepublik mit der kooperativen Trennung von Staat und
Kirche eine besondere Eigenheit unseres Grundgesetzes und
der bundesverfassungsrechtlichen Rechtsprechung. Staat und
Kirche sind zwar klar getrennt, kooperieren aber doch.
Und das bedeutet, die Kirchen sind für den Staat ein
unbestreitbar starker Partner. Und das sagen selbst die, die der
Kirche skeptisch gegenüberstehen. Jetzt müssen wir uns
einfach klarmachen: Wenn die Kirchen schwächeln, dann wird
die soziale Temperatur in diesem Lande sinken. Das kann den
Staat nicht unberührt lassen. Ich sage immer, wir sind ein
säkularer, aber kein laizistischer Staat. Daher sind Kirche und
Religion dem Staat nicht egal.
8
Strukturell, weil ein nachlassendes finanzielles und
ehrenamtliches Engagement auch wichtige gesellschaftliche
Vorhaben gefährdet.
Kulturell, weil eine nachlassende Glaubensbindung die
Verbindung zur Geschichte und zur Kultur unseres Landes
auflöst, zum Beispiel den Unterschied zwischen Werktag und
Sonntag. Ich meine, das ist immerhin eines der großartigsten
Geschenke der Glaubenden an die ganze Gesellschaft. Das
vergessen viele! Und selbst, wer sich heute an einem Sonntag
nur am Strand bräunen lässt und sonst gar nichts mehr damit
im Sinn hat, selbst der ist noch Profiteur des Glaubenssinns
derer, die diesen Tag erst geschaffen und ermöglicht haben.
Die evangelische Kirche hatte mal den schönen Slogan: „Ohne
Sonntag gibt’s nur Werktage“. Und dieser Rhythmus zwischen
Arbeit und Ruhe ist ein unglaubliches Geschenk, das uns
Judenheit und Christenheit geschenkt haben. Und wir sehen
das in anderen Ländern, wo das nicht so stark ist, wie schnell
das den Bach runtergeht.
Moralisch, weil eine ethische Instanz ihren Einfluss immer mehr
verliert und nicht mehr verstanden wird, ja schlimmer noch, sie
gar nicht mehr gehört wird.
Politisch, weil eben der Staat nicht nur einen wichtigen, sondern
auch einen verlässlichen, beständigen Partner verliert.
9
Aber vor allem existenziell: Sie kennen die großen
Menschheitsfragen, die Kant formuliert hat. Die letzte war: Was
dürfen wir hoffen? Und was dürfen wir hoffen, wenn es keinen
Glauben mehr an Gott gibt, weil er nicht weitergegeben wird?
Wie können die Kirchen hier gegensteuern? Das kann ich
natürlich nicht beantworten. Ich habe kein Rezept dafür. Und
das ist natürlich in erster Linie auch nicht meine Aufgabe. Aber
ein paar Blitzlichter will ich doch darauf werfen: Es geht immer
um Grundlegendes. Es geht immer darum, dass die Kirchen
gegenüber der Öffentlichkeit begründen können, wofür sie
stehen, was sie fordern und wie sie sich verhalten. Immer
wieder ihre Kernanliegen, ihre Grundwerte und ihren
Wesenskern herausarbeiten. Ein Auftrag, der sich an alle
Amtsträger, an die Theologen richtet, aber genauso an alle
Kirchenmitglieder.
Und deswegen brauchen wir, Staat und Gesellschaft, auch in
Zukunft Kirchen und Religionsgemeinschaften, die sich aktiv
und wahrnehmbar, aufgrund ihres Glaubens einbringen und die
sich für ein freiheitliches und soziales Gemeinwesen und für
eine friedliche, wirtliche und geeinte Welt engagieren und die
Menschen motivieren, sich miteinander für eine humane,
tolerante und nachhaltige Gesellschaft einzusetzen.
10
Und da gibt es den Kern, der im christlichen Hauptgebot ja
genannt ist, dass wir Gott und den Nächsten lieben sollen wie
uns selbst.
Und wenn wir uns Fidelis und alle Heiligen anschauen, dann
werden wir feststellen, dass praktisch kein einziger Heiliger
beschrieben wird, ohne dass an irgendeiner Stelle seine
besondere Liebe und sein besonderes Engagement für die
Armen und Schwächsten erwähnt wird. Und daran wird auch
nochmal deutlich, wie unter den altkirchlichen Lebensweisen
von Diakonia, Leiturgia und Martyria, also Nächstenliebe,
Gottesverehrung und Bekenntnis, die Diakonia ein ganz starkes
Standbein der Kirche ist. Und wenn man das mal richtig
durchleuchtet, dann kann man durchaus – für manche vielleicht
paradox klingend – sagen: Wir waren noch nie so christlich wie
heute! Das will ich mal all denen sagen, die immer denken, es
geht nur abwärts. Das stimmt überhaupt nicht.
Allerdings muss man sehen, dass die christliche Nächstenliebe
heute oft im säkularen Gewande auftritt. Und darüber sollten wir
nicht beleidigt sein, sondern uns darüber freuen, dass das so
ist. Die Nächstenliebe ist bis in unsere Verfassungsordnung
hinein gelebt, im Sozialstaatsgebot. Immer wieder durch die
Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts untermauert.
So erlaubt es die Verfassungsordnung zum Beispiel überhaupt
nicht, dass wir Menschen unter die Armutsgrenze, unter das
Existenzminimum fallen lassen dürfen. Immer wieder, wenn es
11
Versuche gab, an dieser Sozialordnung herumzubasteln, ist
das Bundesverfassungsgericht dagegen eingeschritten und hat
dieses Existenzminimum verteidigt und auch angehoben.
Selbst die Feindesliebe ist Gegenstand unserer
Rechtsordnung. Mit der Feindesliebe tun wir uns ja alle schwer.
Und das hat einen ganz einfachen Grund, weil wir Liebe immer
mit Gefühlen verbinden. Aber das ist natürlich keine antike
Vorstellung von Liebe. Ich meine, wer liebt schon gefühlsmäßig
seine Feinde und wer kann das überhaupt von jemandem
erwarten?
Seine Feinde zu lieben heißt, dass wir auch sie ordentlich
behandeln. Das sehen wir am Beispiel des barmherzigen
Samariters, der sich um den, der im Graben liegt, kümmert und
schaut, dass dieser versorgt ist.
Das ist Bestandteil unserer verfassungsmäßigen Ordnung. Und
selbst Schwerverbrecher in einem Gefängnis genießen noch
die Würde, die ihnen die Verfassung zusagt. Auch das zeigt,
dass wir selbst unsere Feinde und selbst Verbrecher lieben,
das heißt ordentlich behandeln. Das meint Nächstenliebe!
Und dazu brauchen wir die Kirchen. Warum? Entscheidend ist,
dass die Quellen, aus denen sich das speist, lebendig bleiben.
Denn wenn sich alles immer weiter säkularisiert und
irgendwann für die Menschen gar nicht mehr deutlich ist, aus
welchen Quellen sich die Nächstenliebe speist, dann kann sich
12
das nämlich auch radikal ändern. Und solche Beispiele gibt es
vielfach in der Geschichte, wo andere, starke Ideologien das
völlig überwältigt haben. Und das sehen wir auch heute wieder.
Wie das völlig beiseitegeschoben wird. Wie ganze christliche
Völker, wie etwa auch damals die Deutschen, einem
Verbrecher und seinen fürchterlichen Ideologien
hinterherlaufen, die das Volk verführt haben und wie alles auf
einmal wie weggeblasen ist, was an christlichem Fundament da
war. Und das zeigt, dass es immer wichtig ist, dass die
Verbindung zu diesen Quellen da ist.
Und wenn wir von altkirchlichen Lebensweisen ausgehen,
gehört auch Martyria, das Bekenntnis, dazu. Das heißt, nur,
wenn wir auch Zeugnis ablegen von unserem Glauben, dann
wird die Quelle sichtbar, aus der sich dieser speist. Und dann
ist es nicht entscheidend, ob die Christen noch eine Mehrheit
sind in der Bevölkerung, sondern ob sie der Sauerteig sind, der
die Gesellschaft durchsäuert mit diesem hohen Gut der
Nächstenliebe. Das ist das Entscheidende, auf das es
ankommt.
Ich komme zum nächsten Thema, zur Klimakrise. Die
Klimakrise bedroht unsere Lebensgrundlage. Und alle Experten
sagen uns: Sie wird die armen Regionen viel stärker treffen als
die reichen Regionen. Das ist sozusagen der soziale
13
Kollateralschaden, den die Klimakrise noch bewirken wird. Das
sehen wir schon heute. Allerdings macht sie natürlich auch vor
uns in keiner Weise halt, das haben ja die großen
Flutkatastrophen jetzt gezeigt. Zum ersten Mal mussten wir in
Deutschland erleben, dass Naturkatastrophen über hundert
Tote verursachen. Etwas, das wir uns überhaupt nicht mehr
vorstellen konnten.
Nun sind, glaube ich, gerade wir Christen besonders beauftragt,
sorgsam mit der Schöpfung umzugehen. Da gibt es den
ökologischen Imperativ im Alten Testament, in der
Schöpfungsgeschichte. Der als Ebenbild geschaffene Mensch
soll die Erde „bearbeiten und hüten“ (Gen. 2,15). Damit tragen
wir Menschen die Verantwortung für diese Erde. Wir müssen
uns darum kümmern, dass sie nicht zerstört wird. Das hat uns
Gott mit seinem Schöpfungshandeln aufgetragen und uns zu
Mitschöpfern gemacht. Aber schon damals hat es nicht
funktioniert, hat der Mensch verantwortungslos agiert und
Gottes gute Schöpfung verdorben. Gott war enttäuscht und er
wollte deshalb die Schöpfung vernichten, schickte die Sintflut,
hat sich aber doch eines anderen besonnen, Noah beauftragt,
die Arche zu bauen, mit ihm einen ewigen Bund geschlossen.
Und so der Menschheit eine zweite Chance gegeben.
Aber wir müssen heute ehrlich sagen, wir haben so viel kaputt
gemacht wie noch nie. Wir Menschen haben durch unser
Verhalten, durch unseren Umgang mit der Natur, der
14
Ausbeutung der Erde, eine existenzielle Krise ausgelöst. Auch
wenn sie teilweise hinter unserem Rücken erfolgte und wir das
erst seit nicht so langer Zeit wissen, dass die
Treibhausgasemissionen eben zu dieser Klimakrise führen. Das
ist eine wahre Gefahr für das Leben, die Lebensräume von
Menschen, Tieren und Pflanzen. Und wir Menschen haben uns
und unseren Planeten in diese existenzielle Krise gebracht.
Und jetzt müssen wir Menschen alles Menschenmögliche tun,
um wirksam dagegen zu steuern: Die Erwärmung zu stoppen,
das Sterben der Arten einzudämmen – das ist ja die zweite
große ökologische Krise neben der Erderhitzung –, und damit
Natur und Umwelt schützen.
Und wenn wir zu langsam sind, verlieren wir den Wettlauf mit
der Wirklichkeit. In der Natur, aber auch ökonomisch und
politisch! Das dürfen wir ja nicht vergessen. Ich habe es ja
schon gesagt, das wird besonders die ärmsten Regionen am
stärksten treffen. Und wir hier in Baden-Württemberg müssen
beim Kampf gegen die Klimakrise Vorreiter und Vorbild sein.
Wir müssen beweisen, dass Klimaschutz und wirtschaftlicher
Erfolg, grüne Ideen und Prosperität zusammenpassen. Wir
müssen zeigen, dass wir wirtschaftlich erfolgreich sind, weil wir
Klima und Natur schützen. Dann werden uns die anderen
weltweit folgen, das ist meine Grundphilosophie.
15
Gleichzeitig muss man auch sehen, ich kann den radikalsten
Klimaschutz aller Zeiten und aller Regionen in Baden-
Württemberg machen, global hat das aber geringe
Auswirkungen. Wir können also durch unser eigenes Tun in der
Sache die Welt nicht retten, aber wir müssen zeigen, dass wir
es nicht nur müssen, sondern auch können. Und wer, wenn
nicht wir in einem Hochtechnologieland müssen zeigen, dass
wir es können.
Und nur wenn wir vormachen, dass das nicht mit dramatischen
Wohlstandsverlusten einhergeht, nur dann werden andere
Regionen, die nach diesem Wohlstand noch hungern – große
Nationen wie etwa Indien, diesen Weg gehen.
Jetzt müssen wir mit großen Schritten vorankommen. Damit wir
es schaffen, den Anstieg der Erderwärmung global unter 1,5
Grad zu halten. Wir müssen dabei darauf schauen, dass wir
alle mitnehmen, dass es keine sozialen Verwerfungen gibt, vor
allem weltweit nicht, dass die globale Bekämpfung der Armut
nicht auf der Strecke bleibt.
Und wir sollten uns immer auch vor Augen führen, dass der
ökologische Fußabdruck der Reichen und Wohlhabenden um
ein Vielfaches größer ist, als der der Ärmsten. Das reichste
Prozent der Weltbevölkerung ist für mehr als doppelt so viel der
CO2-Emmissionen verantwortlich als die ärmere Hälfte der
Weltbevölkerung. Das heißt, beim Kampf gegen die Klimakrise
16
geht es auch um Gerechtigkeit und Solidarität. Und so sind vor
allem wir als wohlhabende, technisch gut aufgestellte Staaten
und Gemeinwesen in der Verantwortung.
Mit meiner Grundphilosophie predige ich hier nicht einfach
Bescheidenheit. Das ist auch nicht meine Aufgabe als
Ministerpräsident. Gerade hier aber kommen die Kirchen ins
Spiel. Es gibt und braucht Kräfte in der Gesellschaft, die immer
wieder für materielle Bescheidenheit plädieren, deutlich
machen, dass ein gutes Leben eben nicht nur von materiellem
Wohlstand abhängt. Das muss aus der Mitte einer Gesellschaft
kommen. Und das geschieht ja auch. Und auch der Heilige
Fidelis hat vorgemacht, dass man auch ein ganz anderes
Leben führen kann.
Ich will noch einmal kurz den Kern der ökologischen Frage
beleuchten: Wir Christen glauben, dass Gott die Welt
erschaffen hat, auch ich glaube es, – obwohl ich natürlich als
gelernter Evolutionsbiologe nicht glaube, dass das so passiert
ist, wie es in der Schöpfungsgeschichte steht. Aber so ist es ja
auch gar nicht gemeint, sondern einfach, dass er sie
geschaffen hat. Und wenn man das richtig liest, ist der Kern der
Schöpfungsgeschichte, dass die Welt gut ist. Das ist der Kern
der Aussage, dass Gott die Welt erschaffen hat. Und weil er sie
geschaffen hat, ist sie geheiligt. Und daher müssen wir ein
sakramentales Verständnis von der Welt haben.
17
Und was bedeutet das? Dass wir die Welt nicht zerstören
dürfen, das ist ein unbedingter Imperativ. Es steht nicht in
unserer Verfügung und wir haben kein Recht dazu. Das
bedeutet, der Auftrag, diese Schöpfung zu bewahren, ist ein
unbedingter für uns Christen: Darüber nachzudenken, was wir
wirklich brauchen, nachzudenken, was ein falscher Konsum
verursacht und nachzudenken, wem unser Verhalten schadet.
Und dem auch Taten folgen zu lassen. Bewusst zu leben, und
da muss man lange nicht auf Lebensqualität verzichten. Global
handeln, aber auch regionale Wirtschaftskreisläufe stärken.
Verantwortung zu übernehmen für eine gesunde, gerechte und
friedliche Welt. Denn die Schöpfung ist arm geworden unter
unserer Tätigkeit. Wenn Sie nur sehen, wie viele Arten jedes
Jahr verschwinden – tausende. Also auch da heißt es, Anwalt
der Armen sein, was auch heißt, Anwalt einer Schöpfung zu
sein, die wir selber arm gemacht haben.
Nun muss ich aus aktuellem Anlass darüber hinaus zur dritten
Krise kommen, dem Krieg in der Ukraine. Er wütet vor unserer
Haustür und bewegt uns tief und treibt uns um. Ein brutaler
Angriffskrieg Putins auf die Ukraine, der rücksichtslos und
gezielt das Leben der Zivilbevölkerung zerstört. Ein Überfall auf
einen souveränen Staat. Da ist es gut, dass Europa jetzt
entschlossen zusammensteht. Gegen den, der nicht nur die
18
Ukraine vernichten will, sondern auch unsere gemeinsamen
Werte. Und dass wir uns einsetzen für die, die leiden und auf
der Flucht sind.
Ich bin dankbar, wirklich sehr, sehr dankbar, von Herzen
dankbar, dass so viele Bürgerinnen und Bürger anpacken und
helfen.
Sie wissen ja, eine wichtige soziale Frage ist bezahlbarer
Wohnraum. Eines unserer großen sozialen Probleme, die wir
haben. Wir waren aber immer nach bisherigen Untersuchungen
der Meinung, es gibt nicht allzu viel leerstehenden Wohnraum
in Baden-Württemberg. Das hat sich nun als großer Irrtum
herausgestellt. Es gibt ihn und auf einmal wird er mobilisiert.
Und das ist nun wirklich, finde ich, großartig, dass viele
Menschen, es sind vor allem ältere, die in zu großen Häusern
leben, die diese nicht brauchen, Wohnraum an ukrainische
Flüchtlinge vermieten. Aber das zeigt uns auch, dass Krisen
immer auch Chancen sind. Denn diese Wohnungen, die nicht
vermietet werden, brauchen wir ohnehin. Das ist wirklich ein
ganz großartiges Zeichen der Solidarität in unserer
Bevölkerung.
Aber hier sind auch die Unternehmen zu nennen, die voll hinter
den Sanktionen stehen, diese mittragen, auch wenn sie wissen,
dass das Folgen für sie haben kann. Und wenn wir Flüchtlinge
aufnehmen und helfen, dann ist das ein zutiefst christlicher
19
Impuls. Das will ich einfach nochmal sagen. Und wir haben
schon gezeigt, dass wir aus diesem Geist leben.
Unsere ehemalige Bundeskanzlerin hat ganz tief aus diesem
Impuls heraus damals auch die Grenzen zu Ungarn geöffnet
und viele Menschen rein gelassen, was ihr, wie Sie wissen,
sehr harte Kritik eingetragen hat.
Aber wir sind natürlich als Christen mit dem Ukraine-Krieg auch
in einem veritablen Dilemma. Das Christentum ist eine
friedliche, pazifistische Religion. Wie Sie sicher mitbekommen
haben, habe ich ganz entschieden für Waffenlieferungen an die
Ukraine plädiert. Ich bin der Meinung, Staaten müssen wehrhaft
sein, müssen sich verteidigen können.
Und was ist jetzt mit diesem Dilemma? Lassen Sie mich dazu
ein paar Sätze sagen. Reinhard Bingener hat es in der
Osterausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sehr
ordentlich zusammengefasst: Wenn wir die Passionsgeschichte
zur Hand nehmen, kann man sagen, Gewalt wäre eine Lösung
gewesen. Jesu Gefolgschaft hätte zum Schwert greifen können
oder zwölf Legionen Engel hätte sein Vater geschickt. Dann
wäre Jesus nicht zum Tode verurteilt worden und wie ein
gemeiner Verbrecher ans Kreuz geschlagen worden. Also, das
hat Jesus abgelehnt, das ist ja sehr schön beschrieben in den
Evangelien. Jesus begründet vor Pontius Pilatus, warum
Gewalt für ihn keine Option ist: Im Johannesevangelium lesen
20
wir: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von
dieser Welt, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden
nicht ausgeliefert würde. Aber mein Reich ist nicht von hier.“
(Joh. 18,36)
Einige von Ihnen kennen sicher die zwei Reiche-Lehre Luthers.
Ich fasse sie mal ein bisschen zusammen: Solange es bloß um
die eigenen Belange geht, kann und soll nach den Regeln
gehandelt werden, die eben nicht von dieser Welt sind.
Kann man ein radikaler Pazifist sein, wie Jesus es war? Ja!
Und auch das berücksichtigt im Übrigen unsere Rechtsordnung
mit dem Recht auf individuelle Kriegsdienstverweigerung. Aber
ein Staat kann nicht pazifistisch sein. Er muss seine Bürger
nach innen und außen schützen. Deswegen Waffenlieferungen
an die Ukraine. Wer sich gegen einen vernichtungswilligen
Gegner nicht verteidigt, der wird vernichtet, seines Lebens und
seiner Freiheit beraubt oder versklavt. Und das will ja Putin, wie
wir jetzt wissen. Man kann also sagen, der Pazifismus ist
durchaus etwas Existenzielles, aber sobald man die Interessen
Dritter vertritt, muss das Recht des weltlichen Reiches gelten,
des Staates, das muss zur Geltung gebracht werden. Und
nötigenfalls auch mit Gewalt. Sie sehen das auch am
Gewaltmonopol des Staates, dass der Staat das Recht dem
Einzelnen entzogen hat, sich außer in Notwehr selber zu
wehren.
21
Wenn man allerdings das weltliche Recht theologisch
überblendet, also daraus sozusagen eine politische Theologie
macht, dann sieht man, das ist ein Grundübel unserer
Religionsgeschichte. Und wir sehen es aktuell beim orthodoxen
Moskauer Patriarchen Kyrill, der sich da instrumentalisieren
lässt. Die EKD-Ratsvorsitzende Kurschus hat das, was er
gesagt hat, „Gotteslästerung“ genannt. Harte Worte, aber wenn
man in diese Passage des Johannes-Evangeliums schaut, liegt
sie wohl nicht falsch.
Es stellt sich auch die Frage: Hat dann das Reich, das nicht von
dieser Welt ist, überhaupt Raum? Oder ist das nur ein frommer
Sonntagswunsch?
Das müssen wir immer wieder prüfen, ob das Raum hat. Das
heißt, auch in Kriegszeiten muss unsere Gesinnung immer so
sein, dass sie friedensleitend ist. Der Frieden, oder das
Bedürfnis nach Frieden, muss unsere Gesinnung leiten. Auch in
solchen Zeiten.
Man muss aufpassen, dass man da selber nicht verroht. Gewalt
ist überhaupt nur legitim, um sich zu verteidigen, wenn andere
Mittel ersichtlich nicht mehr helfen. Und das ist der allgemeine
Gesinnungspazifismus, der heute Gott sei Dank in allen echten
demokratischen Staaten herrscht. Und der sich Gott sei Dank
so durchgesetzt hat.
22
Daher muss meiner Ansicht nach der Staat die Bürgerinnen
und Bürger schützen. Das ist die Pflicht eines jeden Staates.
Was natürlich nicht heißt, dass wir unsere Außenpolitik auf
Dauer militarisieren dürften oder sollen. Aber wir brauchen
eben auch eine verteidigungsfähige Bundeswehr. Und die
Debatten verfolgen Sie ja alle.
Aber ohne Mitmenschlichkeit wird das nicht gehen, sonst
werden die Verwerfungen gewaltig sein. Und deswegen
müssen wir immer darauf bedacht sein, dass militärische
Gewalt immer Ultima Ratio bleibt in solch einer Situation, wie
wir sie haben.
Ich kenne ja Fluchtgeschichten noch aus den Erzählungen
meiner älteren Geschwister, Eltern. Und als ich jetzt beim
Besuch der Erstaufnahmeeinrichtung nochmal geschildert
bekam: Eine junge ukrainische Familie, vier und acht Monate
alte Kinder. Wie sie da eine Woche im Keller saßen, dann über
die Fenster noch in den überfüllten Zug kommen. Und dann
noch glücklicherweise bei uns gelandet sind. Es hat mich so
schockiert, dass ich jetzt mit über 70 Jahren mitten in Europa
nochmal solche Geschichten hören muss.
Und ich denke, das ist eine ganz große Aufgabe, die wir haben,
dass es nun in unserer Verantwortung liegt, solidarisch zu
helfen, aber auch die Konsequenzen daraus zu ziehen.
23
Konsequenzen sind erstmal ganz einfach. Wir lernen jetzt
einfach, der Frieden ist nicht selbstverständlich. Wir müssen ihn
immer wieder erringen.
Und mit der Freiheit ist es ebenso. Freiheit, Demokratie und
Rechtsstaat sind nichts Selbstverständliches. Sind nicht
errungen und dann einfach immer da. Sie sind immer
gefährdet. Wir müssen immer dafür kämpfen. Ich war heute
beim Bund der Vertriebenen, zu ihrem 70-jährigen Jubiläum
und die haben in ihrer Charta 1950 geschrieben: Nur ein
vereintes Europa kann die Zukunft sein, die so etwas
verhindert, was sie gerade selbst erlebt hatten. Aber auch ein
geeintes, starkes Europa, das zu seinen Grundwerten steht und
sich dazu bekennt und sie verteidigt, auch das ist nicht
selbstverständlich. Auch dafür müssen wir immer wieder neu
kämpfen.
Dieser Angriffskrieg Russlands wird sicher Einschnitte
bedeuten für uns alle. Wir müssen uns auf ein konfrontatives
Zeitalter einstellen. Aber wir dürfen auch zuversichtlich sein,
denn wir haben gesehen, dass zum ersten Mal seit langem die
Europäische Union wieder einig war. Und auch die Schweiz ist
nach kurzem Zögern den Sanktionen beigetreten, was der
neutralen Schweiz ja immer schwerfällt. Aber auch die Schweiz
hat erkannt, den Sanktionen nicht beizutreten ist nicht neutral,
sondern ebnet Putin den Weg.
24
Wir sehen also, alle Fragen, die ich angesprochen habe, sind
christlich imprägniert. Und ich glaube, das ist unsere große
Aufgabe als Christen, diese Imprägnierung immer wieder in
allem zur Geltung zu bringen.
Was passiert, wenn Solidarität verloren geht? Was passiert,
wenn große Landstriche auf der Erde unbewohnbar werden?
Was passiert, wenn Kriege weltweit zunehmen?
Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um
gegenzusteuern. Ohne das Prinzip der Solidarität werden wir
das aber nicht schaffen, ohne Mitmenschlichkeit wird das nicht
gehen, sonst werden die Verwerfungen gewaltig sein. Also
müssen wir beim Lösen aller Probleme immer auch – frei nach
dem heiligen Fidelis – Anwälte der Armen und Schwachen sein.
Aber was wir 400 Jahre nach Fidelis sicher nicht mehr machen,
ist, andere zu missionieren. Ganz im Gegenteil. Das ist jetzt
meine große Vision und Hoffnung. Dass wir ganz im Gegenteil
nach ökumenischer Einheit in versöhnter Verschiedenheit
streben. Dass wir Frieden unter den Religionen und Kulturen
stiften. Und dass wir gemeinsam gegen einen gemeinsamen
Feind kämpfen: die Erderhitzung.
Und wenn wir das tun in dem Sinne, wie es uns eigentlich die
Evangelien sagen, dann dürfen wir mit Zuversicht, trotz der
25
großen Krisen, in die Zukunft blicken. Und diese Zuversicht
brauchen wir. Und das ist kein schaler Optimismus. Denn, das
hat mein philosophischer Leitstern Hannah Arendt einmal
schön gesagt: „Von wem, wenn nicht von der Politik, darf man
Wunder erwarten?“ Und sie meinte natürlich nicht Wunder im
religiösen Sinn, sondern sie meinte mit Wundern, dass das
Unvorhersehbare, das Unerwartete geschieht, dass also nicht
das geschieht, was man alles berechnet und plant und
prognostiziert. Dann müsste uns allein angesichts des
Klimawandels angst und bange werden. Sondern diese Wunder
können geschehen, wenn sich Menschen um eine gemeinsame
Idee versammeln und handeln.
Wenn wir in diesem Sinne handeln, dürfen wir trotz dieser
Krisen zuversichtlich in die Zukunft schauen.
Vielen Dank!